06/21/13

Vogelgezwitscher gegen den Stress

Saarbrücken. Autos, Flugzeuge, Rasenmäher, Handyklingeln – das menschliche Gehör ist rund um die Uhr unterschiedlichsten Geräuschen ausgesetzt. Dass Lärm stresst und krank machen kann, daran besteht für Experten kein Zweifel. Umso wichtiger ist ihrer Meinung nach, das Hören wieder stärker auf Naturklänge auszurichten. Denn die Fähigkeit, diese wahrzunehmen, sinkt zunehmend in einem technisierten Umfeld. Das bestätigt Umweltforscher Stuart Gage von der Michigan State University: „Die Menschen sind in ihren Geräuschkulissen regelrecht gefangen, und diese entsprechen in der Mehrzahl nicht den natürlichen Klängen.“ Dabei ist inzwischen belegt, dass Naturklänge wie Meeresrauschen oder das Summen von Insekten eine beruhigende und sogar heilende Wirkung haben können.

Kurt und Reiner Mosetter kennen die positive Wirkung von Klang. Die Mediziner aus Konstanz haben unter anderem bei Kindern festgestellt, dass beim Wahrnehmen von Vogelstimmen deren Atemfrequenz sinkt und sich ihre Muskulatur entspannt. Reiner Mosetter erklärt: „Klang wirkt der Wahrnehmungs-Enge des Alltags entgegen. Klang-Erfahrungen sind Begegnungen mit uns selbst, körperlich und emotional.“ In einem Krankenhaus im englischen Liverpool wurde bereits versucht, diesen Effekt zu nutzen. Hier hat man den Gesang von Rotkehlchen, Amseln und Finken eingesetzt, um Patienten zu beruhigen – mit Erfolg. Die Erkrankten, aber auch deren Besucher waren von dem Experiment so begeistert, dass sie den Klang der Natur auch nach ihrer Genesung mit nach Hause nehmen wollten und um eine CD baten. Auch in Deutschland wird mit Naturklängen experimentiert. So hat etwa Hotelier Hermann Reischl aus Wegscheid im Bayerischen Wald im Garten seines Wellnesshotels einen Naturklänge-Pfad eingerichtet und beschallt seine Gäste mit Klängen vom Band. „Unsere Gäste können diese Ecke bewusst aufsuchen und auf einer der Bänke verweilen. Lauschen kann man fünf verschiedenen Geräuschen, vom Vogelgezwitscher über Froschquaken bis hin zum Grillenzirpen“, sagt Reischl. Er rät den Erholungssuchenden in seinem Haus, bewusst alleine durch den Garten zu spazieren, um sich Ruhe zu gönnen und sich dem virtuellen Bachrauschen hinzugeben. „Mein Eindruck ist, dass uns Naturklänge ganz stark an unsere Kindheit erinnern. Das gibt uns ein gutes Gefühl, weil das eine Zeit war, in der man unbelastet war und das Wort Stress noch nicht kannte“, sagt der Hotelier. In einigen Parkhäusern wird Klang übrigens gezielt eingesetzt, um dem unbehaglichen Gefühl entgegenzuwirken, das viele Menschen überkommt, wenn sie ihr Auto in einer dunklen Nische abstellen müssen. So wurde etwa in Berlin eine Tiefgarage mit dem Live-Geräusch eines Wildbachs aus dem Schwarzwald beschallt. Die Mikrofon- und Übertragungstechnik, die dafür notwendig war, wird von einem Liechtensteiner Unternehmen hergestellt. Es wurde jüngst mit einem Preis des Deutschen Wellness-Verbands ausgezeichnet. Daniel Lathan, der das System entwickelt hat, erzählt: „Ausschlaggebend war für mich ein privates Erlebnis in einem Wellnessbereich. Eine Naturgeräusche-CD mit unnatürlich aufgenommenen und künstlich zusammengeführten Geräuschen aus der Natur, mit Meeresrauschen und Wal-Gesängen, die sich alle fünf Minuten wiederholten, animierte mich, selbst Forschungen im Bereich der Psychoakustik anzustellen.“ Lathans Idee ist es, die Naturklänge so unverfälscht wie möglich im Rhythmus der Jahreszeiten einzufangen. „Klingt ein Waldbach immer gleich? Morgens, mittags, abends? Im Frühling, im Herbst?“, hat sich der Unternehmer gefragt. Er verteidigt seine Live-Streams gegenüber „akustischen Illusionen“, also im Studio gemixten Naturton-Aufnahmen auf CDs, die sich in der Regel nach 80 Minuten wiederholen. Seine neuesten Projekte: „Live-Übertragungen vom Meer, aus einer Natur-Tropfsteinhöhle und aus dem Regenwald. Ganz konkret teste ich seit mehreren Jahren in einer Natur-Tropfsteinhöhle mehrere neue Mikrofontechnologien.“ Lathan zufolge eignet sich Meeresrauschen besonders gut dazu, die Herzfrequenz zu senken. Vogelgezwitscher dagegen vermittele Geborgenheit. Vielleicht tut es aber auch einfach mal wieder ein langer Waldspaziergang, um den Klang der Natur auf sich wirken zu lassen und sich zu entspannen.

Bildunterschrift: Der Klang eines rauschenden Gebirgsbachs wirkt auf den Menschen entspannend. Foto: np

Quelle: Schulz, Daniela: Vogelgezwitscher gegen den Stress. In: Saarbrücker Zeitung, Nr. 141 vom 21. Juni 2013, Seite D4.

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