30/09/11

Ein Schwarzwaldbach plätschert live in der Hauptstadt

Ein Hörerlebnis der besonderen Art erfahren derzeit die Besucherinnen und Besucher eines Parkhauses in Berlin. Hauptakteur ist der reale Klang der Natur aus dem Schwarzwald. Über eine Live-Schaltung via Internet, auch Live-Streaming genannt, hören die Parkhausgäste das natürliche „Klangbild“ eines Schwarzwaldbaches – eins zu eins, in Echtzeit.

Ein eigens für die Aufnahme von Naturgeräuschen entwickeltes Mikrofon erfasst das Klangumfeld eines Schwarzwaldbaches naturgetreu und real. Die Mikrofonanordnung ist dabei so gewählt, dass das menschliche Hören exakt nachempfunden wird. Passend dazu wird ein speziell für diese Anforderungen entwickeltes Audio-System verwendet, das für eine absolut reine und reale Wiedergabe der Naturgeräusche sorgt.

Dass Kunst, Klangästhetik und Technik sich nicht ausschließen müssen, zeigt der Erfinder und Entwickler der Live-Naturübertragungen, Diplom-Ingenieur Daniel Lathan. Er installierte in den letzten Wochen für das jetzt gestartete Live-Event 16 Spezial-Lautsprecher und verlegte mehrere hundert Meter Kabel im Parkhaus unter den Friedrichstadt-Passagen.

Das Gebäude mit geradliniger Architektur aus Stahlbeton mit 1.150 PKW-Stellplätzen wird jetzt durchströmt vom Klang der Natur aus Vogelzwitschern, dem Rauschen der Blätter und dem Plätschern eines Waldbaches. Frei nach dem Motto „Parken fahren – im Wald aussteigen“ genießen die Besucher des Parkhauses das angenehme Hörerlebnis. Bereits in der Testphase konnte Lathan manches erstaunte Gesicht erblicken und ein verwundertes Aufhorchen bei den Nutzerinnen und Nutzern des Parkhauses erkennen. Gestresste Manager hielten kurz inne, stoppten ihren forschen Gang, blickten kurz nach oben und nach einem Bruchteil weniger Sekunden konnte er beobachten, wie sich deren Gangart deutlich lockerte. Eine Familie mit Kindern berichtete, dass die Tiefgarage plötzlich höher, sicherer und heller wirkte.

Lathan ist überzeugt: „Etwas Realeres als die Realität können uns Bilder nicht vorspielen. Nur die Akustik ist dazu in der Lage. Auch wenn das 3D Kino eine Renaissance erlebt. Unsere Gefühle werden viel mehr über die Akustik angesprochen. Warum Illusionen aufbauen, wenn die Realität eine enorme Vielfalt bietet.“

Die ersten Reaktionen der Passanten bei der Eröffnungsveranstaltung sind durchweg positiv. Die Meisten der Befragten sind anfangs überrascht über die ungewohnt reale Klanglandschaft. Nach dem Öffnen der Fahrzeugtüren hört die Mehrheit zuerst die hohen Töne, was dazu führt, dass als Erstes die Vogelstimmen wahrgenommen werden. Wenige Sekunden später wird jedoch das gesamte Klangspektrum einbezogen. Kurz haben die Parkhausgäste das Gefühl, mitten in der Natur zu sein, bis die Logik einsetzt und der Gedanke entsteht: „Es muss sich um Lautsprecher handeln!“ Aufgrund der Diskrepanz zwischen visuellem und auditivem Eindruck beginnen viele dann, nach den Lautsprechern zu suchen.

Nach Büroschluss berichtet ein Passant auf dem Weg zu seinem Auto, dass er aufgrund seines Höreindrucks das Bedürfnis hat, seinen Feierabend in der Natur zu verbringen.

„Die Stille eines Parkhauses verursacht Unbehagen, man möchte diese Umgebung schnell verlassen. Die Geräusche der Natur sind vertraut, die Atmosphäre verändert sich“. stellt ein weiterer Passant auf der intensiven Suche nach den verbauten Lautsprechern fest. Er berichtet weiter, dass er das Parkhaus in der Vergangenheit als bedrückend still wahrgenommen hatte. Durch den natürlichen Klang bekommt es eine vertraute Atmosphäre und er bemerkt plötzlich künstliche Geräusche wie beispielsweise das Brummen einer Abluftanlage.

Bereits seit 4 Jahren stehen die Aufnahmestationen – im Dauerbetrieb – an einem abgelegenen Waldbach in der Nähe von Triberg im Schwarzwald. Es ist die weltweit erste und einzige „rund um die Uhr“ Live-Übertragung von Naturgeräuschen via Internet. Üblicherweise wird dieser Service eher von Hotels mit Wellness- und Spabereich, Fitnessstudios oder Privatpersonen genutzt. "Die Menschen haben im Alltag, im Beruf, in der Schule, immer weniger Möglichkeit sich in der Natur aufzuhalten.“ so Lathan. „Wir bringen einen Teil der Natur zu den Menschen, wie eine Pflanze, die man sich auf den Schreibtisch stellt, wie ein Naturduft, der sich über eine Aromalampe im Raum verbreitet. Alleine die positive Wirkung auf das Wohlbefinden ist ungleich stärker."

Mit einem Parkhaus wählte Lathan ganz bewusst einen ungewöhnlichen Ort aus. „ Gerade der extreme Gegensatz – das Hören von Natur in einem ganz anderen Umfeld – verstärkt bei den Zuhörenden das Bewusstsein für die positive Wirkung der Naturgeräusche.“ Er möchte die Menschen in ihrer gewohnten, alltäglichen Umgebung ansprechen, um zu erreichen, dass sie die Natur wieder in alle Bereiche des Lebens mit einbeziehen. „Die Sprache der Natur droht uns verloren zu gehen und damit das Bewusstsein, die Natur entsprechend zu schützen und zu erhalten“, so Lathan.

Lathan sieht in der Tiefgarage einen auditiven Rückzugsort und eine Möglichkeit, dem Großstadtlärm zu entfliehen. “Aufgrund einer Reduktion visueller Reize lässt sich die Konzentration wieder leicht auf das Hören fokussieren, was unterschiedliche positive Effekte haben kann. Neben einer schnellen und einfachen Möglichkeit zu entspannen – trotz einer Atmosphäre, die wir eher mit Hektik, Stress und Lärm verbinden – bieten die live übertragenen Klänge der Natur mehr: Innerhalb ganz kurzer Zeit – spätestens wenn wir wieder eintauchen in den Großstadtlärm – spüren wir eine Sensibilisierung gegenüber Lärm. Die Themen „Auditiver Smog“ oder „Phonopollution“ werden in der Zukunft immer mehr Bedeutung erfahren. Das Hören wird gegenüber dem Sehen eine seit langem notwendige Renaissance erfahren.“

Der Klang der Natur wirkt entspannend, ausgleichend und gleichzeitig regenerierend, das zeigen Lathans Studien und psychoakustische Tests. Dabei sind die naturgetreue Wiedergabe und die Qualität offensichtlich entscheidende Kriterien. „Musik beeinflusst das Hirnareal, das mit dem Stressempfinden verbunden ist. Dies ist der Grund, weshalb künstlich nachbearbeitete Naturgeräusche oft als störend empfunden werden“, so Lathan. „Echte Naturgeräusche bzw. reale Klangbilder werden hingegen als angenehm empfunden - weil sie ein fester Bestandteil unseres Lebens und als positiv in unserer Erfahrung verankert sind.“

Ein Erlebnis in einem Wellnessbereich gab letztendlich den Anstoß für Lathans Forschungen im Bereich der Psychoakustik: „Eine Naturgeräusche-CD mit – wie leider üblich – unnatürlich aufgenommenen und künstlich zusammengeführten Geräuschen aus der Natur, mit Meeresrauschen und Walgesängen, die sich alle 5 Minuten wiederholte.“ Daraufhin entwickelte Lathan, zunächst von Toningenieuren und Akustikern belächelt, seine Aufnahmestationen für den Dauereinsatz mit einem absolut unkonventionellen Mikrofon-Setup, das speziell auf die Erfordernisse von Naturgeräuschen ausgelegt ist. Seit 2004 optimiert Lathan seine Mikrofon- und Übertragungstechnik. Seine Testreihen werden mittlerweile auch im Rahmen von wissenschaftlichen Ausarbeitungen erwähnt und bestätigt.

Das grundlegende Ziel des Projektes – Lathans Vision – ist es, einen Teil der Einnahmen zurück in die Natur fließen zu lassen – sozusagen als eine Art “GEMA der Natur”. „Ich möchte der Natur mehr zurückgeben als ich ihr nehme. Das war von Anfang an mein Ziel. Weniger als ein Prozent dessen, was wir heute hören, ist vom Menschen unbeeinflusst.“ Er ist sich sicher, dass die natürliche Stille in Zukunft zum Luxusgut zu werden droht und er wünscht sich, dass die letzten akustisch unberührten Orte der Welt "in Ruhe" gelassen werden.

Augen zu, Ohren auf – ein Experiment:
Was wäre, wenn sich unser Fokus in den letzten Jahrzehnten – Jahrhunderten – nicht auf das Visuelle, sondern auf das Auditive konzentriert hätte? Unsere Augen können wir verschließen, unsere Ohren nicht. Das Hören birgt eine viel höhere Informationsdichte als das Sehen. Das wiederum bewirkt, dass wir unser Gehör weniger leicht „hinters Licht führen” können. Lathan schlägt hierzu folgendes Eigenexperiment vor: Anstelle der Werbung 1-2 Wochen lang entweder den Fernseher ausschalten oder Naturtönen lauschen, danach gezielt Werbung hören – ohne Bild. Die Mehrheit wird feststellen, dass Ton als bildunterstützendes Medium eingesetzt wird: Man lässt die Bilder sprechen. Warum lassen wir nicht einmal wieder den Ton Bilder produzieren?

Hören Sie ab jetzt den weltweit ersten und einzigen Live-Stream aus der Natur in: 10117 Berlin, Taubenstraße, P1, Quartier 205 (APCOA-Parkhaus Friedrichstadt-Passagen).

sonami AG

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